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Jeremy Maxwell Wintrebert

Die Werkstatt eines Glasbläsers ist normalerweise ein karger und schmuckloser Ort. Da gibt es den gemauerten und alles beherrschenden Schmelzofen, in dem 1200 Grad toben. Dann noch Tauchbecken, Tische und ein paar Werkzeuge. Ganz anders präsentiert sich jedoch das Atelier Le Four im 12. Arrondissement in Paris, wo Glasbläser Jeremy Maxwell Wintrebert seine Meisterwerke kreiert.

Glasbläser Jeremy Maxwell Wintrebert

Manche seiner Arbeiten beschreibt Wintrebert als sehr irdisch, wie diese „Wolken aus Glas“

Die Werkzeuge eines Glasbläsers

Der Schmelzofen

Im Untergeschoss des Studios bekommen die Stücke ihren Feinschliff

Wintrebert am Eingang zu seinem Studio "Le Four"

Es ist ein regnerischer Tag in Paris. Doch beim Betreten von Jeremys Atelier wird uns sofort wohlig warm. Das liegt nicht nur an den Öfen, in denen gerade Glas geschmolzen wird, sondern vielmehr an der gemütlichen Atmosphäre. Es gibt Sofas, eine kleine Küche, Musik und überall wunderschöne Glasobjekte. Jeremys Atelier ist eine der Werkstätten des Viaduc des Arts und befindet sich in den renovierten und verglasten Bögen eines ehemaligen Eisenbahn-Viadukts. Es erstreckt sich vom Place de la Bastille bis zum Pariser Stadtrand.

 

So wie sein Atelier nicht ins Bild einer klassischen Glasbläserei passt, sind es allein die Schwielen und kleinen Brandblasen an Jeremys Händen, die einen Hinweis auf seinen Beruf geben. Es ist eine Welt der Kontraste, in der er arbeitet. Einerseits gnadenlose Hitze und enormer Körpereinsatz, um das Gewicht am anderen Ende des Blasrohres zu stemmen. Andererseits die weiche, lebendig anmutende Glasmasse und das filigrane Endprodukt.

 

Jeremy bei seiner Tätigkeit zu beobachten, ist ein intensives Erlebnis. Er bewegt sich wie ein Tänzer, jede Bewegung muss stimmen. Anders als traditionelle Glasbläser, arbeitet Jeremy nicht mit Gussformen, sondern Freihand. Das heißt, er ist allein auf seine Augen-Hand-Koordination angewiesen. „Man muss präzise Entscheidungen im richtigen Moment treffen“ sagt er, „um das flüssige Material im richtigen Moment zu stoppen. Nur so bekommt es die Form, die man will. Das heiße Glas verlangt Respekt. Gleichzeitig muss man eine mentale Grenze überschreiten, die den Körper davon abhält, sich dieser unerträglichen Hitze zu nähern.“

 

In der Kunst- und Designwelt ist es ein zusätzlicher Wert, wenn hinter den Werken eine Geschichte steht. Diesen Rat hat Jeremy einmal jungen Glasbläsern gegeben. Was also ist seine Geschichte? Nun, er weiß nicht so recht, wo er beginnen soll. „Da gibt es so viel“, setzt er an - und denkt vermutlich an seine Kindheit in Afrika, den schweren Autounfall, der Auslöser für seine Karriere war und sein Leben in den USA.


Seine Arbeit zu kategorisieren fällt schwer. Mal wird er Glas-Künstler, mal Designer, mal Glasbläser genannt. Er selbst sieht sich aber vor allem als Handwerker, weil er sich durch die Arbeit mit seinen Händen ausdrückt. Das Handwerk gewinnt derzeit wieder mehr an Popularität. Vor allem, wenn es mit einem künstlerischen Aspekt verbunden ist. Jeremy war einer der Ersten in Frankreich, der es schaffte, das Handwerk in andere Disziplinen zu transportieren.

Er war auch der Erste, der einen Designpreis für seine Arbeit als Handwerker erhielt und von einer Agentur für Designer vertreten wird. Und er war schließlich der erste französische Glasbläser, der im Fernsehen sein Handwerk berühmt machen durfte. Auch wenn er sich in viele Disziplinen wohlfühlt, so ist und bleibt er am Ende doch Handwerker: „Designer und Künstler haben tolle Ideen und Konzepte,“ sagt Jeremy. „Der Unterschied ist aber, dass sie am Ende des Tages die Produkte nicht selbst herstellen können. Ich schon – mit meinen Händen!“

Für Jeremy ist die Arbeit mit heißem Glas wie ein kleines Fenster ins Universum, das ihm Antworten auf die großen Fragen des Lebens gibt. Es ist ihm klar, dass das etwas merkwürdig und überhöht klingt. „Aber wenn ich in den Ofen schaue und das heiße, geschmolzene Glas sehe, beginnt eine Unterhaltung zwischen mir und diesem lebenden Material, das für mich der Ursprung so vieler Dinge ist. Wo gehen wir hin, was ist der Sinn unserer Taten, wieso drehen sich Planeten um andere Planeten...?“ Und was antwortet das Glas, wollen wir wissen. „Meine Arbeiten sind die Antworten“, sagt der 36-Jährige und lacht.

Das sind zum Beispiel Wolken aus Glas, die von der Decke hängen und aussehen, als wären sie aus Baumwolle. Oder Mikroorganismen, aufgeblasen zu großen Objekten. Sehr oft drehen sich seine Werke um das Thema Raum. „Es gibt auf der Welt so unglaublich viel Raum - und dadurch auch Leere. Stellt man zwei Formen nebeneinander, kann man Raum und Leere definieren,“ erklärt er. So haben seine Vasen sehr oft eine äußere und eine innere Hülle. Der Raum dazwischen ist Jeremys Spiel mit Raum und Leere.

Seine Inspiration zieht er auch aus der Natur. Anfänglich war seine Arbeit stark von seiner Kindheit in Afrika inspiriert. Seine Eltern waren Kunstsammler und die kunsthandwerklichen Objekte, mit denen er aufwuchs, hatten großen Einfluss auf ihn. „Ich drücke mich durch Handwerkstechniken aus. Es ist das Material und das Handwerk selbst, das mich inspiriert,“ sagt er.


Schutz vor der unerbittlichen Hitze des Schmelzofens

„Ich drücke mich durch Handwerkstechniken aus. Es ist das Material und das Handwerk selbst, das mich inspiriert“ – Jeremy Maxwell Wintrebert

Für Jeremy ist die Arbeit mit heißem Glas wie ein kleines Fenster ins Universum

Das Büro des Studios liegt unter ehemaligen Eisenbahnschienen

Jeremy hat seinen Beruf nicht durch eine klassische Ausbildung gelernt. Er ist zu unterschiedlichen Glasbläsern gegangen. Trotz fehlender Erfahrung hat er sie davon überzeugt, ihn bei sich arbeiten zu lassen. „Für mich war das definitiv der beste Weg, denn ich wollte nicht erst zur Schule gehen und jahrelang warten, bis ich richtig loslegen kann. Handwerk funktioniert nur, wenn man es macht.“

Fast zehn Jahre verbrachte er in den USA. Er lebte von Gelegenheitsjobs, als er eines Tages zufällig in einem Glas-Studio landete. Sofort wurde er in den Bann des Handwerks gezogen. Kurz darauf hatte er einen Autounfall mit langer Genesungsphase, in der er die Idee entwickelte, selbst Glasbläser zu werden. Er arbeite in einigen amerikanischen Werkstätten, war ein Jahr lang „Artist in Residence“ an der Jacksonville University in Florida und arbeitete mit dem Meister-Glasbläser Davide Salvadore im italienischen Murano. 2007 entschloss er sich, wieder nach Frankreich zurückzukehren und die dortige Glasbläser-Szene aufzumischen. „Bis auf die großen Porzellanhersteller, gab es hier keine herausragenden Handwerker. Ist es nicht komisch, dass Dir jeder fünf große Designer oder Künstler nennen kann? Aber keiner kennt auch nur einen erfolgreichen Handwerker. Vor 300 Jahren wusste jeder, wer der beste Handwerker des Landes ist.“

Sturheit und Hartnäckigkeit haben ihm geholfen, dort hinzukommen, wo er heute ist. „Und ein bisschen Naivität sicher auch,“ sagt er. „Gerade bei großen Skulpturen hilft es, nicht darüber nachzudenken, was man da eigentlich gerade macht.“

Jeremy hat alles in seinem Leben seiner Liebe zum Handwerk untergeordnet. Das Glas kam immer an erster Stelle. „Immer wieder sage ich jungen Glasbläsern, sie müssen arbeiten und erschaffen, so viel sie können. Die Beurteilung ihrer Arbeit sollen sie der Gesellschaft überlassen.“ Und beim Arbeiten entsteht dann auch die Geschichte hinter den Werken, die Jeremy als so wichtig im Leben eines Schaffenden erachtet. Es entsteht eine intensive Beziehung zu den Objekten. „Designer denken sich oft im Nachhinein Geschichten zu ihren Objekten aus. Wir Handwerker haben das Glück, mit unseren Händen eine Sprache zu sprechen, die so viel erzählt. Und sie ist sogar älter als die gesprochene Sprache.“



Text: Jelena Pecic // Fotografie: Stephanie Fuessenich


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